Vokalwerke 1998

Sechs Gesänge aus dem Arabischen

für Tenor und Klavier
Dichtung vom Komponisten
Auftragswerk der KölnMusik

Ian Bostridge und Julius Drake gewidmet

Entstehungszeitraum 1997-98
Spieldauer 35 Minuten

I Selím und der Wind
II Die Gottesanbeterin
III Ein Sonnenaufgang
IV Cäsarion
V Fatumas Klage
VI Das Paradies

Uraufführung

Uraufführung 23. November 1999

Köln · Philharmonie Köln

Tenor Ian Bostridge
Klavier Julius Drake

Kommentar

Der Anlass zu diesem Zyklus ist von Ian Bostridge gekommen, dessen Gesangskunst mich bezaubert hatte. Die Musik war schon so ungefähr in meinem Kopf, als ich noch immer mit dem Problem beschäftigt war, Texte zu finden, die geeignet gewesen wären, den musikalischen Verlauf der Gedanken auf eine Art und Weise zu regulieren, die keine Kompromisse mit existierendem Dichterwerk erforderlich machen würde.

So schrieb ich mir nun selber die Texte (mit Ausnahme des letzten, der von Hafis stammt und von Friedrich Rückert ins Deutsche übertragen wurde sowie vier oder sechs Zeilen aus Goethes Walpurgisnacht) und bereitete so der Musik ein Terrain, auf dem sie sich gut und ungestört emanzipieren konnte.

Das Terrain ist west-östlich, aber die in den Gedichten zur Sprache kommenden Vorgänge stammen aus dem wirklichen Leben. Selím und Fatima z.B. existieren – ich kenne sie persönlich und seit Jahren: sie leben im Morgenland, an der Ostküste. Auch die höllische Höhle, in die Fatuma schmachtend sich verbannt sieht und fühlt, die gibt
es wirklich. Und ist zum Fürchten. Aber es treten nicht nur Piraten, Meeresungeheuer und Monstren auf, es kommen auch „schöne Stellen“ vor. Amouröses und Liebliches, wenn auch immer leicht vom Weltmeer befeuchtet und versalzen. Kreaturen einer fremden Welt wollten in Szene gesetzt werden und bedurften zu diesem Zweck der formenden Hand eines sympathisierenden Künstlers wie mir. Meine Gedichte sind die Vorläufer der Musik, sind Ausgangspunkte, Anreger, Auslöser. Und natürlich konnte und durfte ich während der Komposition an den Texten so viel ändern und manipulieren, wie ich für nötig, d.h. dem musikalischen Vorgang dienlich hielt, ohne irgendjemand um Erlaubnis ersuchen zu müssen. Das ist eine neue und interessante Erfahrung für mich gewesen.

Hans Werner Henze