Orchester- und Ensemblewerke 2004

Sebastian im Traum

Salzburger Nachtmusik auf eine Dichtung von Georg Trakl

für Orchester

Auftragswerk der Eduard van Beinum Stichting, des Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam, der Tonhalle-Gesellschaft Zürich und des New York Philharmonic Orchestra

Entstehungszeitraum 2003-04
Spieldauer circa 15 Minuten

Uraufführung

Uraufführung 22. Dezember 2005

Amsterdam · Concertgebouw
Royal Concertgebouw Orchestra
Musikalische Leitung Mariss Jansons

Kommentar

Über Sebastian

Eine meiner ersten gedruckten Kompositionen ist „Apollo et Hyacinthus“ (1948/49), Improvisationen für Cembalo und acht Soloinstrumente über das frühe Gedicht „Im Park“ von Georg Trakl, dem großen Expressionisten. eine Altstimme trägt zum Ausklang des Stücks dieses (kurze) Gedicht vor, das ich in Beziehung gesetzt haben wollte zum legendären Mythos vom Leben und Sterben des Knaben Hyacinth, dessen Bilder durch mich in musikalische Zeichen verwandelt worden waren. Die Schlusszeilen

O, Dann neige auch Du die Stirne
Vor der Alten verfallenem Marmor


habe ich seitdem wie ein Motto für mein kreatives Tun im Allgemeinen angesehen, ohne mich noch einmal direkt und wörtlich auf Trakl zu beziehen. Erst jetzt, ein halbes Jahrhundert nach dem Frühwerk, bin ich auf die Kunst des großen Salzburgers zurückgekommen und habe mich mit einem Spätwerk, nämlich der Dichtung „Sebastian im Traum“ beschäftigt. Es handelt sich um nächtliche Bilder aus der Landschaft um Salzburg, aus Visionen aus der Kinderwelt und aus dem Leichenschauhaus, um Verfall, herbstliche Träumerei, Engel und Schatten.

Die Musik hat versucht, den Spuren des Dichterworts zu folgen (wie einer mit einer Film-Kamera den Ablauf von Vorgängen festzuhalten versucht oder wie ein anderer vielleicht die Mitteilungen von Inhalten mitstenographiert), und sie hat eine innige Beziehung zu Salzburg – die sich vorwiegend auf meinen langwierigen Aufenthalt dort im Sommer 2003 beziehen, auf die dortige (katholische) Melancholie, auf die Salzburger Temperaturen und Parfums, auf das bäurische Barock, auf Biblisches, auf das hölzerne Kruzifix, auf die Nähe des Todes, aufs Mondlicht, auf Traklsche Abendsonaten.

Es gibt in der Dichtung eine leicht erkennbare Form von Reprisen, die auch aus der Musik zurück schallen, ansonsten aber hören wir immer wieder andere Gestalten, immer neue kommen und gehen, erscheinen, aufscheinen und verschwinden. Gelegentlich kommt es zu Berührungen, Überlappungen, die haben etwas Schmerzliches, das in den General-Tenor des Stückes gehört, wo Licht und Dunkel polyphon miteinander kollidieren auf eine Art und Weise, die den Stil der ganzen Komposition charakterisiert.

Im Sommer 2004
Hans Werner Henze

Orchesterbesetzung

3 Flöten

2° auch Piccolo
3° auch Altflöte
3 Klarinetten1° Kl. = B; 2° Kl. = A; 3° Kl. = B, auch Bassklarinette
2 Oboen
Englischhorn
3 Fagotte3° auch Kontrafagott
3 Trompeten in C
4 Hörner in F
4 Posaunen1° = Altposaune
Basstuba
Pauken
Schlagzeug
IVibraphon
II3 hängende Becken (klein, mittel, groß)
4 Tam-Tams
Abendglocken (Kirchenglocken), Schlägel: Filz
Tempelblock, Schlägel: Leder
Crotales, Schlägel: Filz-Leder
IIIGroße Trommel mit Becken
Holzblock
IVMilitärtrommel
3 Tom-Toms
Tam-Tam (tief)
Metallblock
Kastagnetten
2 Harfen
Celesta
Klavier
Streicher