Orchester- und Ensemblewerke 2001

L’heure bleue

Serenade für 16 Instrumente

Auftragswerk der Alten Oper Frankfurt mit Unterstützung der AGIV AG

Entstehungsjahr 2001
Spieldauer circa 10 Minuten

to Oliver Knussen

Uraufführung

Uraufführung 13. September 2001

Frankfurt · Alte Oper
Ensemble Modern
Musikalische Leitung Oliver Knussen

Kommentar

Diejenigen, die an den Küsten des Mittelmeers leben, nennen die Abenddämmerung „Blaue Stunde“, weil sie, im Sommer wie im Winter plötzlich und unerwartet am westlichen Horizont beginnt, am Abend, wenn die Sonne unter- und bevor der Mond aufgegangen ist, mit einem opalartigen Blau, das sich langsam eindunkelt. Doch sie ist zu unserer Verwunderung auch in allen übrigen Teilen der Welt präsent, immer vorausgesetzt, der Himmel ist wolkenlos. Es ist die Zeit, wenn das Tageslicht abnimmt und die Nacht, die schon in den Kulissen gewartet hat, gravitätisch und sehr langsam auftritt und in Ruhe diese unsere ganze Welt verwandelt. Auch unser Innenleben fühlt sich dadurch berührt: Hoffnungen, Ängste, die erste Liebe und Einsamkeit werden vom sanftesten und schönsten Abendlicht liebkost wie von tröstenden Worten oder Bruchstücken längst vergessener Musik.

Vielleicht hätte ich auch eine wissenschaftlich genauere Beschreibung für den Prozess anbieten können, bei dem der Himmel nach und nach ausbleicht und dann eindunkelt, und vielleicht hätte ich diesen Prozess nicht als zweitrangig betrachten sollen, wie es die Komposition auf den ersten Blick vermuten lässt (oder eher beim ersten Hineinhören). Dafür hätten wir den Mut gebraucht, Dinge auszudrücken, die form- und sprachlos sind – stattdessen und als Ersatz dafür haben wir eine Vielzahl verschiedener Formen und Symbole, die in den Blick geraten, wenn der Lichtwechsel, das changierende Farbspiel sich fortsetzt – klar, nicht unklar – so dass sie nur auf diese Weise vermittelt und verstanden werden können.
Doch beschwöre ich keine schwarzen Winterklänge herauf, sondern nur die zufriedene, beschauliche Atmosphäre einer Serenade an einem Sommerabend. Da sollte Ruhe einkehren. Wir wollen unseren Frieden.

Hans Werner Henze

Orchesterbesetzung

Flöte
Altflöte
Klarinette in B
Bassklarinette
Oboe d’amore
Englischhorn
Fagott
Horn
Wagnertuba oder Euphonium
SchlagzeugVibraphon
Sistrum
Timpani
Große Trommel mit Becken
Thai Gongs
Tom-Toms (intoniert)
Log Drum (tiefstmöglich)
Tam-Tam (tief)
Harfe
Klavier
Violine
Viola
Violoncello
Kontrabass