Samstag
28
September 2013

Nenn mich Maestro

Clemens Wolken im Gespräch mit Fausto Moroni Henze
von Clemens Wolken
Fausto Moroni (1944 - 2007) war über vierzig Jahre lang der Lebensgefährte von Hans Werner Henze. Im Gespräch mit Clemens Wolken erzählt er zum ersten und einzigen Mal über sein Leben an der Seite des Komponisten.
Clemens WolkenFausto Moroni

Lieber Fausto, jeder kennt dich an der Seite Hans Werner Henzes, als sein Beschützer, seine rechte Hand, seine Seele. Ganz gewiss ist es an der Zeit, einmal etwas über deine Kindheit zu erfahren, über deine Heimat, deine Eltern, dein „erstes Leben“, und wann du in die Welt hinausgegangen bist.

 

Ich habe wunderschöne Erinnerungen an meine Kindheit in Taverna di Monte Colombo in der Romagna, einem so winzigen Dorf, dass es nicht mal wirklich eine Gemeinde ist. Ich erinnere mich gern an die abendlichen Unterhaltungen in den Ställen, die einzigen warmen Räume im Dorf, dank der Atemluft der Kühe. Abends ging man in den Stall einer „reichen“ Familie, die viele Kühe besaß, und da sprossen die Geschichten, erzählte man sich die Klatschereien, begannen und endeten die Liebschaften.

In Taverna gab es keine Ballsäle und kein Kino, beim Karneval organisierte man private Feste, und wer nicht eingeladen war, verkleidete und maskierte sich und bat -ein Brauch in unsrer Gegend - um „zwei Tänze“, die man ihm nicht abschlagen durfte. Diese Unglücklichen erhielten also die „zwei Tänze“, bekamen den Bitulen, das heißt ein Stück Kuchen und ein Glas Wein, und mussten dann wieder gehen. Alle wussten natürlich, wer die Maskierten waren, die sich die Tänze erbaten, und damit man sie überhaupt einließ, brauchten sie einen Mnaren, einen Jungen, der mit ihnen kam und für sie anklopfte (auch ich habe das gemacht), damit ihnen die Tänze spendiert wurden.

Und nie werde ich den ersten Film vergessen, den ich in meinem Leben gesehen habe. Es gab da ein Paar, Mann und Frau, die Morosini, die sonntags auf einem Tandem mit einem kleinen Karren voller Filmspulen kamen, die damals riesengroß waren. Der einzige ausreichende Raum im Dorf war die Oliven-Mühle. Also sind wir dahin gegangen, um Kino zu schauen, die Leute setzten sich auf die Erde oder auf die Ölfässer, und ich erinnere mich, dass ich 1948 bei meinem ersten Film, der im antiken Rom spielte, als die Wagen auf mich zu kamen, anfing zu weinen und weggerannt bin. Ebenso erinnere ich mich an den Tag, als mein Vater unser erstes Radio, eine Magnadine, kaufte, und dass ich an dem Tag nicht in die Schule gehen musste.

Mein Vater betrieb einen ambulanten Obst- und Gemüsehandel, meine Mutter war Hausfrau. Wir hatten auch ein paar Schweine, die mein Vater mit den Obst- und Gemüseabfällen fütterte. Diese Schweine waren die Sparbüchse der Familie: Er verkaufte sie, wenn sie schön fett waren, aber er hat in seinem Leben kein einziges für uns geschlachtet.

Bei meiner Geburt war mein Vater 48 und meine Mutter 42 Jahre alt. Vor Jahren habe ich erfahren, dass sie meinen Vater heiratete, weil sie nicht Bäuerin sein wollte, aber verliebt war in einen Herrn und dass sie, als sie, die schon Mutter von 3 Söhnen war, ihn eines Tages in einem Bus sah, auf der Strasse ohnmächtig geworden ist. Schon vor 40 Jahren habe ich herausgefunden, dass sie bereits schwanger war, als sie heiratete. Sie hatte ihren Webstuhl im Stall, und an den langen Winterabenden webte sie. Stell dir vor, ich habe jetzt noch ihre im Stall handgefertigten Bettlaken und benutze sie immer. Glücklicherweise hatte ich sehr selbstlose Eltern, die ihren Söhnen Erfolg wünschten, obwohl sie wussten, dass sie sie verlieren würden, wie es dann auch gekommen ist. Leider hat meine Mutter nicht mal unser Haus in Marino gesehen, während mein Vater hier einige Monate gelebt und sich jeden Herbst um die Olivenernte gekümmert hat.

Mit neun Jahren bin ich dann nach Mirabello Monferrato im Piemont gegangen, in ein Internat der Salesianer. Ich bin dort nur ein Jahr geblieben, weil sie verlangten, dass jeder, der dort studierte, Priester werden musste, und das war ganz offensichtlich nicht mein Fall. Sie schrieben also meinen Eltern, dass ich nicht die geringste Neigung zum Priesteramt hätte, und schickten mich weg. Ich bin dann in ein anderes Salesianer-Internat gekommen, in Lugo di Romagna; damals liebte ich schon den Wein und war schlau genug, mich zum Mesner ernennen zu lassen. Während der Messe saß ich dann backstage und probierte den Messwein. In der Nähe unserer Schule wohnte eine Bauernfamilie, die Seidenraupen züchtete, und ich fragte den Direktor Don Carbone, ob ich eine kleine Seidenraupenzucht in der Schule anlegen dürfte. Er stimmte zu, und ich hatte mein Vergnügen. Ich erinnere mich, dass ich als Mesner die Hostien aus einem Nonnen-Konvent unserer Schule gegenüber holen musste, in dem die spätere Bühnenschauspielerin Piera degli Esposti studierte, die ich dreißig Jahre später zufällig hier in La Leprara wiedergetroffen habe.

Nach dem Mittelschulabschluss in Rimini bin ich zu einem Onkel nach Pesaro gegangen und habe eine Ausbildung zum Buchhalter begonnen. Es machte mir überhaupt keinen Spass. Es war die große Zeit der Schlagersängerin Mina und ihrer Hits Mille bolle blu, und Una zebra a pois; und statt zur Schule ging ich in eine Bar, um die Juke-box zu hören, oder ins Kino, wo ich oftmals drei Filme am Tag gesehen habe, nur um nicht studieren zu müssen.

 

Irgendwann war dir auch Pesaro zu klein, und du wolltest in die Metropole. Wie sah dein Umzug nach Rom aus? 

 

In Rom bin ich am 11. September 1960 eingetroffen, einen Tag nach dem Ende der Olympiade. Ich kam mit dem Zug aus der Romagna, an den Füssen geliehene Schuhe, die mir zu eng waren, weil sie nicht meine Schuhgröße hatten. Hose und Hemd waren geborgt, und darüber trug ich einen Pullover, den meine Mutter aus gebrauchter gelber und brauner Wolle gestrickt hatte, weil sie überzeugt davon war, im September wäre es in Rom schon kalt. Ich kam hingegen triefend vor Schweiß im Bahnhof Termini an. Dann nahm ich die Straßenbahn zum Testaccio-Viertel, wo ich wohnen sollte. In der Straßenbahn sah ich, wie sie die Olympiafahnen einholten, weil die Spiele vorbei waren. „Was für ein schöner Empfang“, dachte ich, „statt die Fahnen bei meiner Ankunft zu hissen, holen sie sie runter“.

 

Du warst ja noch sehr jung, sogar minderjährig. Machten sich deine Eltern keine Sorgen? 

 

Ich war gerade mal sechzehn. Mir war die Provinz schon immer zu eng gewesen. Ich hatte eine sehr nachgiebige Mutter und einen Vater, der seinen Söhnen vertraute und sagte, „wenn er unbedingt nach Rom will, muss ich ihn hinschicken“. In Rom bezog ich bei einer seiner Schwestern ein kleines Zimmer mit einem Klappbett, und einen Tag nach meiner Ankunft fing ich sofort mit der Arbeit im Verlag „Nuova Italia“ an, wo mein Bruder Luciano schon angestellt war.

 

Mit welchen Aufgaben betraute der Verlag einen Sechzehnjährigen wie dich? 

 

Ich fing um fünf Uhr früh an, wenn es noch eiskalt in den Büros war. Ich räumte zuerst die Asche aus dem Kohleofen, reinigte ihn, füllte ihn und zündete ihn an. Dann putzte ich in aller Eile die Büros, und um halb neun öffnete ich sie, ging zur Bücherausgabe und erledigte dann mit meiner Lambretta die Auslieferung an die Buchhandlungen in Rom. In dem Verlag habe ich ungefähr zwei Jahre gearbeitet, dann in einem anderen Büro in der Via di Millelire, wo ich mich um die Bücher-Auslieferung an alle italienischen Kulturinstitute in der Welt kümmerte. Ich kümmerte mich daneben um die Buchhaltung und fuhr, immer mit der Lambretta, sogar ins Aussenministerium, um dem Verantwortlichen, Dr. Pellini, seine Bücher zu bringen - das alles für monatlich 9.000 Lire, was auch damals wenig war.
Dann kam es zu einer Wende in meinem Leben, und ich fing an, bei einem Antiquitätenhändler zu arbeiten. Inzwischen hatte ich meine Homosexualität entdeckt und war seltsamerweise von Personen angezogen, die viel erwachsener als ich waren. Der Ladeninhaber war älter als ich, und ich habe ihn sehr geliebt. Ich habe mit ihm zusammengelebt und in seinem Geschäft gearbeitet, wo ich dann Hans kennerlernte.

 

„Durch einen glücklichen Zufall machte ich um diese Zeit die Bekanntschaft eines ganz jungen Menschen aus der Romagna, aus dem Landkreis Forlì, Fausto Ubaldo Moroni, eines ladinisch sprechenden, anscheinend einem Mosaik aus Ravenna entsprungenen byzantinischen Fürstenkinds, Kleinbauersohns und Seefahrers von bespielloser Begabung für die Kunst des Lebens“, schreibt Hans in seiner Autobiographie. Wie sah dieser „glückliche Zufall“ aus? 

 

Er hatte mich in einem Auto in der Via Condotti gesehen, ist ihm gefolgt, in unseren Laden gekommen und hat wie verrückt Sachen gekauft, für die er dann das Geld nicht bei sich hatte. Er hatte eine Million Lire ausgegeben, was damals ein Vermögen war, und ich hatte ihm alle Silberwaren gegeben, die er wollte, ohne eine Lira zu verlangen oder zu fragen, wer er sei. Ich sagte zu ihm: „Danke, Herr Doktor“. Und er antwortete mir: “Nenn mich nicht Herr Doktor, nenne mich Maestro“. Natürlich begriff ich nicht, weshalb ich ihn Maestro nennen sollte. Als der Besitzer kam, war ich überglücklich, alle diese Sachen verkauft zu haben, und er fragte mich: „Und wo ist das Geld?“. „Er hat nicht bezahlt“, habe ich erwidert, „er kommt morgen, um zu zahlen“. Und da hat der Chef mir schrecklich eine verpasst. „Du wirst sehen, dass er kommt“, habe ich ihm gesagt, und tatsächlich hat Hans am nächsten Tag das Geld gebracht, hat aber andere Sachen mitgenommen und wieder nicht bezahlt. So haben wir uns kenngelernt;  es war im Mai 1964, glaube ich. Im November wurde dann in der römischen Oper Der Junge Lord aufgeführt, und ich habe ihn um eine Eintrittskarte gebeten.

 

Ein Fan seiner Musik bist du aber nicht gleich geworden, denn Hans schreibt in seiner Autobiographie: „[Fausto] besuchte mich ein paar Tage später in der Via Sant’Andrea delle Fratte, nicht zuletzt, um mir zu gestehen, dass er mit meiner Musik so gut wie gar nichts hatte anfangen können“.

 

Das ist absolut richtig, ausserdem war ich zuvor noch nie in einer Oper gewesen, so viel ist sicher. Danach sind wir zusammen nach Berlin gefahren, wo die Bassariden unter der Regie von Gustav Sellner und mit den Kostümen von Filippo Sanjust aufgeführt wurden. Ich hätte eigentlich damals mit einem Tänzer vom Moulin Rouge nach Mexiko reisen sollen, einem Hurensohn erster Klasse. Er war damals siebenundvierzig, und ich hatte ihn einige Zeit vorher in Paris kennen gelernt. Stattdessen ging ich mit Hans nach Berlin, und wir wohnten im Haus von Wenzel Lüdecke, dem Direktor der Berliner Synchron, der uns eine Etage seiner Villa im Grunewald zur Verfügung stellte.

 

Und gleich nach eurer Rückkehr hast du angefangen, für Hans zu arbeiten. 

 

Ja. Er sagte mir, dass seine Villa gerade im Bau sei und dass er jemanden brauche, der sich darum kümmere. Und von Berlin aus bin ich direkt nach Marino gekommen, habe meine Wohnung in Rom aufgegeben und ein Jahr lang in einem grässlichen Haus in der Via dei Laghi gehaust, um die Arbeiten an der Leprara zu beaufsichtigen. Habe als erstes meine mexikanischen Pläne aufgegeben, dann auch die amerikanischen. Ich sollte ja eigentlich nach New York gehen, weil ich laut meinem Bruder ein Tagedieb war, und mir dort eine ernsthafte Arbeit suchen. Zum Glück ist das nicht passiert, denn das wäre sicher mein Tod gewesen. Am 26. November 1966 habe ich dieses Haus hier bezogen, Hans kehrte aus Tokio zurück, wo sie die Elegie mit Kerstin Mayer aufgeführt hatten. Ich erinnere mich, dass ich ihn zum Flugplatz brachte und sagte, „wenn du aus Tokio zurück kommst, ist das Haus fertig“, und so war es.

 

1968 war dann die verunglückte Uraufführung des Oratoriums Das Floss der Medusa. Eigentlich war es ja gar keine Premiere, da die Musik an dem Abend nicht gespielt wurde. Wie ist es dir dabei ergangen? 

 

Ich erinnere mich ganz genau an alles an diesem 9. Dezember. Ich saß unten im Saal, unter anderem waren da der Schriftsteller Ernst Schnabel, Georg Solti, Paul Dessau, Rolf Liebermann, Peter Ustinov und unsere Freundin Margaret von Hessen. Edda Moser, Dietrich Fischer-Dieskau und der Sprecher Charles Regnier hätten auf der Bühne agieren müssen. Hans hätte dirigieren sollen, aber sie haben es ihm verunmöglicht. Studenten hatten eine rote Fahne am Podium befestigt, und Hans weigerte sich, sie zu entfernen. Es herrschte ein Riesenkrawall, und der Chor der RIAS weigerte sich, unter roten Fahnen zu singen, die Polizei kam mit ihren Schilden herein, knüppelte studentische und nicht studentische Zuschauer nieder, verhaftete den Librettisten des Stückes, Schnabel, der zudem noch verletzt wurde, weil sie ihn durch eine Glastür gestoßen hatten. Wir sind durch einen Notausgang weggegangen, und die Uraufführung war geplatzt. Sie wurde dann im  Januar 1971 in Wien nachgeholt.

 

Hat euch der Skandal wirklich wie ein Blitz aus heiterem Himmel getroffen?  

 

Wir hatten keine Ahnung, was uns an dem Abend erwarten würde, und ich war richtig schockiert.

 

Hans schreibt: „Ich sorgte mich mehr um Fausto, den das Ganze schwer mitgenommen hatte und der in seinem zu Haus anerzogenen Misstrauen gegenüber den Deutschen leider wieder einmal bestärkt worden ist. Am nächsten Morgen ist er, sobald es hell geworden war, nonstop über die Autobahnen, nur kurz zweimal tankend, ohne auszusteigen, ohne zu essen oder zu trinken, bis nach Italien durchgefahren. Nicht mal mehr pinkeln wollte er auf deutschen Boden...“. 

 

Alles wahr. Glücklicherweise habe ich jedoch im Lauf der Jahre meine Meinung von den Deutschen geändert. Aber die folgenden vier, fünf Jahre waren hart. Derart schwierig, dass wir glaubten, unser Haus hier in Marino verkaufen zu müssen. Ich lieh ihm sogar von meinem Geld. In diesen Jahren wurde Hans’ Musik in Deutschland wenig aufgeführt und ihm wurde sogar der Vertrag mit seiner Plattenfirma gekündigt.

 

1968, im Jahr der Skandale, wohnte Rudi Dutschke nach dem Attentat auf ihn für einige Monate bei euch, und hatte hier die Ruhe, um sich von seiner Schussverletzung zu erholen. Aus der Schweiz war er zu der Zeit ja schon ausgewiesen worden. 

 

Das war ein anderes grosses Ereignis in unserem Leben. Er kam mit seiner Frau Gretchen, dem Arzt und der Krankenschwester am Bahnhof Roma Termini an, und wir holten ihn in Begleitung der Polizei ab. Im August gingen Hans und ich nach Santa Fe, wo Hans die Bassariden dirigierte. Auf unserer Rückfahrt an Bord der Cristoforo Colombo sah ich nach einigen Tagen Seefahrt in einer italienischen Illustrierten Aufnahmen unserer Villa, die vom Hubschrauber aus gemacht worden waren. Ich telefonierte vom Schiff aus mit dem Personal, das mir sagte, wir sollten sofort heimkommen, weil bei ihnen eine Katastrophe ausgebrochen sei. In Gibraltar  aber hat das Schiffpersonal dann natürlich gestreikt. Endlich in Neapel gelandet, sind wir per Zug nach Rom gefahren und Rudi hat uns am Bahnhof abgeholt, immer eskortiert von der Polizei. Drei Monate lang hatten vier 24 Stunden am Tag die Polizei im Haus. Wenn ich morgens einkaufen ging, hat sie mich den ganzen Weg über begleitet. Ich habe sie aber trotzdem ausgetrickst, habe aber auch mit ihnen in der Küche Karten gespielt. Mit Dutschke hatte ich jedoch wenig Kontakte.

 

1970, auf dem Edinburg Festival, hast du die Kostüme für die Elegie entworfen. Wie fandest du diese künstlerische Zusammenarbeit mit Hans? 

 

Es war eine wunderschöne Erfahrung. Hans wollte, dass ich diese Kostüme entwarf. Ich war damals leider noch zu jung und sprach noch nicht gut englisch. Ich habe es aber gemacht, weil er insistierte, auch wenn die Kostüme dann wirklich sehr schön geworden sind. Hans hatte die Regie, das Bühnenbild war von Ralph Koltai. Die Berge waren auf Stahl montierte Plexiglas-Lamellen. Trotz meiner Unerfahrenheit ist es gut gegangen. Danach haben wir nicht mehr für die Bühne zusammengearbeitet. Ich wollte nicht, ich hatte sehr viel anderes zu tun, und bessere Kostümbildner als mich gab es zu Tausenden.

 

„Als ich anfing mich mit Montepulciano zu beschäftigen, war sie [Helen Grob, langjährige Assistentin von HWH] genau wie Fausto heftig dagegen: Beide sahen die Schwierigkeiten, die geringen Erfolgschancen, den enormen Aufwand an Zeit und Kraft. Aber als sie gemerkt hatten, dass ich nicht mehr zu bremsen war, schickten die beiden sich in das Unvermeidliche und wurden, ohne noch einmal mit der Wimper zu zucken, die tatkräftigsten und zuverlässigsten Helfer, die man sich wünschen und vorstellen kann“. Wie verlief die Zeit aus deiner Sicht? 

 

Es war eine schöne, aber anstrengende Zeit. Er arbeitete an der Inszenierung von We come to the river, gerade 15 Tage vorher hatten wir unser Haus in  Knightsbrigde gekauft, und eines Morgens sagte mir Hans: „geh nach Montepulciano und rette es mir“. So bin ich von London direkt nach Pisa geflogen und von dort dann weiter nach Montepulciano gefahren. Und wir haben es geschafft. Ich habe mich um alles gekümmert, war Chauffeur, Koch für 300 Personen, technischer Direktor, Tellerwäscher, Kellner, Inspizient, künstlerisches Betriebsbüro, kaufmännischer Direktor, Produktionsleiter, und das 4 Jahre lang jeden Sommer.

 

Welche ist deine schönste Erinnerung an diese Jahre?

 

Sicherlich die Erstaufführung vom Turco in Italia. Für mich war es die unglaublichste Geschichte, als Riccardo Chailly die erste Bühnenprobe machte. Ich hatte es nie für möglich gehalten, dass es wirklich passieren würde. Ich war oben im kleinen Büro im Teatro Poliziano, bin nach unten gegangen, und das Orchester war bereit, alles war in Ordnung, und Chailly fing an, die Luft zu zerteilen. Und da musste ich weinen.

 

Ihr hattet immer Geldprobleme.

 

Ja, aber wenn etwas fehlte, hat Hans das Geld zugeschossen. Das ärgerte mich, aber er hat es immer so gemacht. Es gab deswegen auch öfters Probleme mit dem Bürgermeister von Montepulciano, so dass Hans eines abends, als die Masnadieri aufgeführt werden sollten, sich beinah mit ihm geprügelt hätte, wie er auch in seinem Arbeitstagebuch über The English Cat schreibt.

 

Wie ging es dir, als du mit Hans 1969 auf Kuba warst?

 

Der Aufenthalt war wunderbar, aber auch hart, weil wir bald dahinter kamen, dass wir mit „Wanzen“ ausspioniert wurden. Ich merkte es, weil, wann immer in unserem Hause ein kritisches Wort über die Lage in Kuba gefallen war, unser jeweiliger Gast tags darauf spurlos verschwand. Es wurde alles überwacht, und das war nicht sehr angenehm. Auch, weil wir nicht nach Kuba gegangen waren, um die Konterrevolution anzuzetteln. Und leider waren auch unsere besten Freunde, die uns zu Hause besuchten, Spione.

 

Hans schreibt, dass ihr auch an Ernteeinsätzen teilgenommen habt.

 

Hans und ich, wir haben Zuckerrohr geschnitten und auf die Laster geschmissen, in den Baracken geschlafen umzingelt von Ratten, und sind morgens zur Arbeit auf die Felder gegangen. Dann haben wir gemeinsam mit Alicia Alonso und ihrer Ballett-Gruppe die Kaffeeplantagen gegen eine Mikrobe desinfiziert, die die Ernte beinahe zerstört hätte.
Und da wir von unseren Reisen sprechen, fällt mir ein, was wir in Costa Rica gemacht haben. Hans ist eines Tages in der Sonne am Pool eingeschlafen und hat sich einen kompletten Sonnenbrand geholt. Weil ihm das schon einmal passiert war, wusste ich, dass ich ihn in sehr warmes Wasser legen musste, um die Verbrennungen zu lindern. Ich habe ihn in eine Badewanne gelegt, aber das Wasser war dermaßen heiß, dass er komplett gesotten war. Also mussten wir nach Sacramento gehen, auf 2000 Meter Höhe in den Bergen, wo es verdammt kalt war. Zur Erwärmung habe ich 200 Kerzen angezündet und ihn auf die Schultern genommen, um ihn umzubetten. Damals rauchte er noch, und ich bin also runtergegangen nach San José di Costa Rica, um diese besonderen Zigaretten für ihn aufzutreiben. Man hatte mir eine Adresse genannt, ich zog los und landete in einem Bordell. Mutig sagte ich:  „Ich habe eine Verabredung mit Maria“, und wer kam da auf mich zu? Ein Transvestit namens Maria. Wir sind in das Elendsviertel von San José gegangen und diese Maria fragte mich, „wie viele willst du ?“ und ich antwortete „fünfzig“. „Dann müssen wir warten, weil sie sie Stück für Stück fabrizieren“. Kurz und gut, ich wartete und ging mit diesem Transvestiten auf den Strassen von San José spazieren. Werde ich nie vergessen.
Aber die schönste Erinnerung verbinde ich mit unserem Aufenthalt im Dorf Shella auf der Insel Lamu, in Kenia. Neun Jahre haben wir dort überwintert, und Hans hat dort einen Haufen Sachen geschrieben, das Lacrimosa fürs Requiem, Le Disperazioni del signor Pulcinella, die 9. Sinfonie, einige Teile der 8. Sinfonie, zwei Ballette, die ganze Oper Venus und Adonis und als letztes Voie lactée ô soeur lumineuse zum neunzigsten Geburtstag von Paul Sacher. Ich war dann Präsident eines Fußballclubs, den Brighter Stars. Aber meine Präsidentschaft verdankte sich allein dem Geld und nichts anderem, denn ich habe keine Ahnung, ob der Ball überhaupt eckig oder rund ist. Die Trikots und die Schuhe brachte ich mit aus Italien, und nach dem Spiel hab ich immer ein Dinner organisiert. Er war eine wunderschöne Phase in unserem Leben.

 

Hans hat mir erzählt, dass du auf Lamu auch als Arzt gebraucht wurdest.

 

Eher als Zauberer. Eines Tages war da ein Mullah von Lamu, der stürzte, als er das Boot verließ, und sich am Kopf verletzte. Ich habe ihn mit Medizin verarztet, die ich immer in meiner Tasche hatte. Ein anders Mal ist ein anderer Mullah gekommen, weil mein Ruf sich wohl herumgesprochen hatte, und bat mich, seine Frau zu heilen, und wie du weißt, lässt ein Mullah seine Frau nicht von männlichen Händen berühren. Und wenn ich mal nicht hinging, um sie zu verarzten, holte er mich ab, aufgeregt und ungeduldig. Und das in einem moslemischen Land.

 

Hattet ihr „Vorteile“ von eurer Beziehung zu den Mullahs?

 

Nur ein einziges Mal, weil der Lautsprecher der Moschee von Shella auf Hans’ Studio gerichtet war und ihn beim Arbeiten störte. Da habe ich ihn in eine andere Richtung drehen lassen.

 

Auf Lamu warst du auch Besitzer eines Bootes. Selim, sein Kapitän, hat den ersten der Sechs Gesänge aus dem Arabischen von Hans inspiriert.

 

Ja, das Boot hieß Jamila, eine 18-Meter Dwah, wunderschön, aber Hans hat sie nur einmal betreten, sie war ihm zu „sportlich“, und ich war vielleicht zweimal darauf. Ich habe sie gepflegt und lackiert, und als wir Lamu verließen, meinem Patenkind Fausto Junior geschenkt, dem Sohn unseres Dieners. Unter anderem sorge ich finanziell für ihn, auch weil ich ihn ans Licht der Welt geholt, ihn gesäubert und gewaschen habe, und all das mitten zwischen den Eseln, die in Lamu überall sind, und den Ratten.

 

Wie war es für dich, 40 Jahre im Schatten einer Persönlichkeit wie Hans zu leben?

 

Die ersten 10 Jahre waren wirklich sehr schwierig. Ich habe sehr gelitten, vor allem weil ich kein Deutsch und Englisch konnte und die Musikwelt und die Menschen nicht kannte. Es war schlimm.

 

Wie hat Hans sich in  den 40 Jahren des Zusammenlebens verändert?

 

Überhaupt nicht, Hans ändert sich nicht, er hat seine ureigene Linie. Er ist immer sehr anspruchsvoll gewesen, lässt dir nichts durchgehen. Er ist keine Person, die sich ändert, aber glücklicherweise bin ich gewachsen.

 

Ins Deutsche übersetzt von Karl-Alfred Wolken
(zuerst erschienen in: Michael Kerstan/Clemens Wolken (Hrsg.:) Hans Werner Henze. Komponist der Gegenwart, Leipzig-Berlin, Henschel 2006)