[Musik aus dem Film „Die verlorene ehre der Katharina Blum“]
Schlöndorffs Film adaptiert Bölls Erzählung als gesellschaftskritisches Panorama. Darin wird die Geschichte einer jungen Frau erzählt, die das Opfer einer hässlichen Pressekampagne wird. Katharina Blum, die Protagonistin, hat eine Nacht mit einem mutmaßlichen Terroristen verbracht. Ihre Wohnung wird von der Polizei verwüstet, sie gilt fortan als „Terroristenbraut“. Bedingt durch die Berichterstattung in einer großen deutschen Boulevardzeitung, wird ihr Leben zur Hölle. In einem Akt der Verzweiflung, erschießt sie den verantwortlichen Redakteur. So alarmierend wie dieser Film sollte auch die Musik von Hans Werner Henze klingen.
[Musik aus dem Film Die verlorene Ehre der Katharina Blum]
Mit Schlöndorff besprach Henze in München die Komposition in allen Einzelheiten. Es sollte eine subversiv-gewalttätige Musik werden, in der Staatsmacht, Terror und eine unmögliche Liebe zum Ausdruck kommen. Henze zitierte – kaum erkennbar- in seiner kammermusikalisch, von Schlagzeug-Effekten untermalten Klangepisoden auch Motive aus Wagners Rheingold – als finstere Hommage an die Bonner Republik. Dieses Mosaik aus kleinen Themen und klanglichen Miniaturen nahm Schlöndorff als Grundlage für den Endschnitt seines Films.
„Er wusste ziemlich genau, was er wollte. Dann bin ich nach Hause gefahren, nach Rom und habe dort komponiert. Ich hatte einen deutschen Assistenten, Henning Brauel, aus meiner Kölner Klasse, der hat dann auch noch die Stimmen herausgeschrieben. Dann kam ich wieder nach München. Hier im Zentrum, nicht weit weg vom Viktualienmarkt, in einer kleinen Straße, gibt es ein kleines Aufnahmestudio mit einer hübschen Bar vorne und einem großen Saal für Musikaufnahmen. Dann haben wir das aufgenommen. Volker war sehr beeindruckt.“
„Das musste ich in einem Affenzahn schreiben. Das ist immer so im Kino. Am Schluss muss dann der Türschließer noch ganz schnell ein paar Noten abliefern.“
[Musik aus dem Film Die verlorene Ehre der Katharina Blum]
Das war ein Ausschnitt aus der 1975 entstandenen Musik zu Volker Schlöndorffs Film „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“, komponiert von Hans Werner Henze. Im fortgeschrittenen Alter allerdings verblasste Henzes politisches Engagement, bedingt auch durch die Erfahrungen mit dem real existierenden Sozialismus: Die Niederschlagung des Prager Frühlings im Jahr 1968 und die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermanns aus der DDR dämpften Henzes Euphorie für eine bessere Welt sozialistischer Prägung. Seine „Gebrauchsmusik“, darunter die Katharina Blum-Musik für Volker Schlöndorff, sind durchaus Zeugnisse eines engagierten Zeitkünstlers, der aus seiner neuen römischen Heimat stets mit Sorge Richtung Bundesrepublik Deutschland blickte.
„Das hat auch Spaß gemacht, denn das hatte auch was mit Politik zu tun. Die Musik konnte hier helfen die Böllsche und die Schlöndorffsche Alarmglocke zu läuten. So habe ich das auch gesehen. "
Schlöndorffs Film „Eine Liebe von Swann“, die letzte Zusammenarbeit zwischen dem Regisseur und Hans Werner Henze, ist eine Adaption des gleichnamigen Kapitels aus Marcel Prousts Roman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“. Es schildert das tragische Verhältnis des kunstsinnigen Juden Charles Swann zu der Prostituierten Odette de Crécy. Hans Werner Henzes Filmmusik „Une petite phrase“ ist eine vertonte Klage des tragisch liebenden Swann. Henze folgt hier Prousts Gedanken mit seiner klingenden Miniatur. Für Regisseur Schlöndorff ist es das ideale Konzentrat einer törichten, unmöglichen Liebe. Charles Swann, gespielt von Jeremy Irons, hört diese Phrase zu Beginn des Filmes im Salon der Herzogin von Guermantes: Wie eine quälend-schöne idée fixe brennt sich ihm diese Klaviermusik für immer ein.
[Musik/O-Ton aus „Eine Liebe von Swann“]
„Ich sah die Bilder vor mir: Ein Mann irrt nachts über die Boulevards, von Lokal zu Lokal, in fieberhaftem Rausch, auf der Suche nach einer Frau, die sich ihm immer wieder entzieht. Er klopft spät in der Nacht an ein Fenster, das nicht ihres ist. Er stellt sie eines Nachmittags zu einem langen Verhör, er quält sie mit seiner Eifersucht und genießt seine eigenen Leiden. Odette und Paris: eine Frau, überlebensgroß, und eine Stadt, Inbegriff aller Städte, sowie der Mann, der beide zu besitzen sucht, das ist für mich ‚Eine Liebe von Swann‘.“
[Musik aus dem Film „Eine Liebe von Swann“, Une Petite Phrase]
Im Mittelpunkt der heutigen Historischen Aufnahmen stand der Komponist Hans Werner Henze, der am 1. Juli 90 Jahre alt geworden wäre. Zum Schluss hörten sie Henzes Klavierstück „Une Petite Phrase“ aus der Marcel Proust-Verfilmung „Eine Liebe von Swann“ von Volker Schlöndorff aus dem Jahr 1984.