Auch Bachmann war bereit zum Absprung aus dem „Kriegsland der Väter“ und folgte Henze im August 1953 in sein Haus auf der damals noch verträumten Insel Ischia. Ihr entschlossener Aufbruch in die Lebens- und Arbeitsgemeinschaft mit dem homosexuellen Komponisten war ein gewagtes Vorhaben. Henze feierte das Ideal „einer keuschen und reinen Idee vom Künstlerleben“ das sie zunächst 1953 auf Ischia, dann 1956 in Neapel erprobten. Bachmann schreibt in dieser Zeit die „Lieder von einer Insel“, der Freund arbeitet an seiner neuen Oper „König Hirsch“. Henze genießt die Seelenverwandtschaft so, dass er Bachmann in den schönsten Farben ein sorgenfreies Eheleben verspricht, „und vom ersten Moment an werden wir so schön, stolz, ruhig und glücklich sein, wie es nur geht.“
Doch jetzt muss der Mythos von der idealen Künstlerpartnerschaft erheblich korrigiert werden. In der Salzburger Bachmann Edition (Suhrkamp und Piper) ist soeben der Band 10 mit dem Titel „Senza casa“ erschienen, in dem neben weiteren autobiographischen Skizzen und Briefentwürfen erstmals die Tagebucheinträge Bachmanns aus den Jahren mit Henze veröffentlicht werden. Bisher gehörten die zahlreichen Einzelblätter zum gesperrten Nachlass der Dichterin. Akribisch haben die drei Herausgeberinnen die teils kaum leserlichen Seiten entziffert und mit großer Sachkenntnis und Empathie kommentiert. Das private „Neapolitanische Tagebuch“ gibt anders als die für einen Leser bestimmten Briefe ungeschminkten Einblick in Bachmanns Seelenlage während der Beziehung mit Henze und in ihre psychische Krise im Jahr 1956, an deren Tiefpunkt sie das gemeinsame Zuhause in Neapel fluchtartig verlässt.
„Senza casa“ lässt keinen Zweifel daran, dass Henze und Bachmann das Projekt Lebensgemeinschaft mit den schönsten Hoffnungen, aber unterschiedlichen Erwartungen angingen. Beide wollten einander Inspiration und Bollwerk gegen die gefühlte Feindlichkeit der Welt sein. Ein freies Dasein mit heiterem Wechsel von disziplinierter Arbeit, künstlerischem Diskurs und italienischer Lebensart sollte das einsame Leben im trüben Norden ablösen. Henze bot der Freundin einen „Pakt gegen die bedrohlich dumme Welt, gegen die Angst“ an, den Bachmann dankbar einging.
Tatsächlich aber war ihre Beziehung von Anfang an asymmetrisch. Während Henze dank gut bezahlter Kompositionsaufträge und Stipendien relative Sicherheit genoss, hatte Bachmann gerade den Sprung in das prekäre Dasein als freie Autorin gewagt. Henze mag sich nach den Anfeindungen als homosexueller Mann im Nachkriegsdeutschland eine nach außen bürgerliche und glanzvolle Verbindung vorgestellt haben. Bachmann hingegen hoffte – wie schon zuvor in der gescheiterten Liebesbeziehung mit Paul Celan und später mit Max Frisch – auf die Ehe mit einem intellektuell ebenbürtigen Mann, in der künstlerisches Einverständnis, wirtschaftliche und emotionale Sicherheit mit erotischer Erfüllung einhergehen sollte.
Letztere konnte der seinerseits hochsensible und dabei freiheitsliebende Henze ihr nicht bieten, was er frühzeitig und unmissverständlich klarstellte. Das Neapolitanische Tagebuch enthüllt, dass diese Abweisung für Bachmann mit der Zeit zur unerträglichen Kränkung wurde: „Mir ist zum Sterben elend. Jeder Bauernjunge ist attraktiver für ihn als ich.“ Das aufreibende „Nebeneinanderleben auf so engem Raum“ weckt schließlich sogar den Wunsch nach „Selbstmord, an ein Ende, fort gehen, um nichts zu zerstören, was schön war“, notiert sie im vierten Heft. Mit der körperlichen Zurückweisung geht ein Gefühl von Unbehaustheit einher, das sie zeitlebens nicht mehr verließ und als Motiv bis in den späten Roman „Malina“ präsent ist: „Aber man kann ja nicht heimgehen. Senza casa. Sono senza casa.“ Der als abgrundtief erlebte Schmerz bildet einen eigentümlichem Kontrast zu der kraftvollen, selbstbewussten Stimme, die aus „Lieder einer Insel“ spricht – vielleicht war er aber auch Voraussetzung für die Freisetzung ihres einzigartigen künstlerischen Potentials.
Im selben Band veröffentlichten die Herausgeberinnen eine kommentierte Neuedition von Bachmanns „Kriegstagebuch“ aus den Jahren 1944/45, das ihr später so leicht zu erschütterndes Vertrauen ins Leben und ihr Bedürfnis nach Sicherheit in Teilen erklärt. Darin beschreibt sie, wie sie die Bombenangriffe der Alliierten und die Todesangst im Bunker erlebt und von Nazi-Lehrern trotz Fliegeralarms in die sinnlose Verteidigung Klagenfurts geschickt wird. Nur knapp entgeht sie der Ausbildung an der Panzerfaust. Reale Lebensgefahr, tiefe Scham und Abscheu gegen die Verbrechen der Vätergeneration: Erfahrungen, die sie mit Henze und anderen Gleichaltrigen teilt. Auf diesem Boden konnte sich das Leben eines so feinsinnigen Menschen wohl nicht ohne Störungen entfalten.
Das Scheitern des Ehe-Projekts mit Henze ist kaum verwunden, da stürzt sich Bachmann 1958 hochgestimmt in die nächste Beziehung. Der 2023 ebenfalls in der Salzburger Bachmann Edition publizierte Briefwechsel mit Max Frisch liest sich vor dem Hintergrund des nun zugänglichen „Neapolitanischen Tagebuchs“ als Fortschreibung eines Musters: Auf die zunächst euphorisch erlebte Liebes- und Arbeitsgemeinschaftfolgen tiefe Enttäuschung und das demütigende Verlangen, den sich lösenden Geliebten mit aller Macht zu halten. Wobei sie sich selbst parallele Amouren, unter anderem mit Hans-Magnus Enzensberger, zugesteht. Inzwischen ist Bachmann trotz des imposanten Erfolgs als Lyrikerin – sogar der „Spiegel“widmet ihr 1954 eine Titelgeschichte – körperlich und seelisch stark geschwächt, auch durch den missbräuchlichen Konsum von Alkohol und Tabletten, die ihre überreizten Nerven längst nicht mehr beruhigen. Im Januar 1963 ist es Henze, den sie nach einem Selbstmordversuch in tiefster Not um Rettung bittet. Und der Freund eilt ihr verlässlich und diskret zur Hilfe, obwohl er mittlerweile als gefragtester westdeutscher Komponist unter ständig hohem Arbeitsdruck steht und dazu einen vollen Reiseplan als international gebuchter Dirigent erfüllen muss.
Es ist zu bewundern, wie beide nach dem schmerzhaften Trennungsprozess ihre Freundschaft und die künstlerischen Projekte auf Augenhöhe fortführen. Das deutschsprachige Kulturleben des 20. Jahrhunderts kennt keine vergleichbare Zusammenarbeit zwischen Mann und Frau, Komponist und Dichterin. Henze vertonte ihre Gedichte, gemeinsam schufen sie ein Hörspiel, eine Ballettpantomime und die Opern „Der junge Lord“ und „Der Prinz von Homburg“. Mit Produktionen an 26 und 35 Bühnen gehören diese Opern zu den meistgespielten nach 1945. Hand in Hand erlebten die Beiden rauschende Premieren, zu denen „meine große Freundin immer unheimlich fein gemacht“ erschien, wie Henze sich bewundernd erinnert. Sie steht ihm ihrerseits loyal zur Seite, wenn seine Werke von Publikum und Kritik abgelehnt werden, etwa bei der Berliner Uraufführung der Oper „König Hirsch“, die vom Dirigenten Hermann Scherchen gegen Henzes Willen zusammengestrichen worden war. Hunderte Briefe wechseln die „illustre Bachstelze“ und „caro Hans“, Texte von oft inniger Zärtlichkeit, manchmal aber voller Bitternis und Klagen.
Retten konnte Henze die Freundin nicht. Bachmann starb im Oktober 1973 in Rom in Folge schwerer Verbrennungen, vermutlich war sie mit einer glimmenden Zigarette im Bett eingeschlafen. Ihr Tod stürzte Henze in eine tiefe Krise. In seiner Verzweiflung erstattete er sogar Anzeige gegen unbekannt wegen versuchten Mordes. Bis zuletzt stand auf dem kleinen Tisch neben seinem Lieblingssessel ein gerahmtes Foto der Dichterin. Für Henze blieb Bachmann in vieler Hinsicht die Frau seines Lebens.
--------------
Zuerst erschienen in Neue Zürcher Zeitung, 14.10.2024