In den Jahren 1969 und 1970 reiste Hans Werne Henze zweimal nach Kuba. Sein Freund Hans Magnus Enzensberger hatte ein Einladung des kubanischen Kulturministeriums vermittelt. Dort lernte er alsbald den damals 29-jährigen Miguel Barnet kennen, der bereits zahlreiche Essays und Gedichtbände veröffentlicht hatte. Sein Roman “El Cimarrón” gilt als Meilenstein der lateinamerikanischen Literatur und begründete das Genre der sogenannten „Novela testimonio“ (Zeitzeugenroman).
Das Buch basiert auf monatelangen Tonbandinterviews, die Barnet mit dem entlaufenen Sklaven (= „Cimarrón“) Esteban Montejo (1860–1973) führte. Barnet stellte Henze den Protagonisten des Buches vor, der zu diesem Zeitpunkt bereits 107 Jahre alt war.
Kerstan und Barnet sprechen über Henzes Kuba-Aufenthalte, die Freundschaft zwischen beiden und die revolutionäre Euphorie, welche die Künstler und Künstlerinnen der damaligen Zeit beflügelte. Der Komponist knüpfte in dieser Zeit wichtige und nachhaltige Freundschaften, und der Inselstaat schien ihm ein politischer und künstlerischer Sehnsuchtsort. Die intensiven Erfahrungen, zu denen auch ein Arbeitseinsatz in der Landwirtschaft und die Einweihung in den Yoruba-Kult gehörten, hatten immensen Einfluss auf sein Schaffen und führten zu Meisterwerken, in denen musikalische Ästhetik und politische Haltung unauflöslich verwoben sind.
“El Cimarrón”, das „Rezital" nach dem gleichnamigen Roman von Miguel Barnet entstand in einer direkten Zusammenarbeit zwischen Barnet, Henze und Hans Magnus Enzensberger. Auch über diese fruchtbare Kooperation spricht Barnet im Interview mit Kerstan sichtlich bewegt und in schönster Erinnerung.
“La Cubana”, ursprünglich als Fernsehoper mit großer Besetzung und großem Orchester konzipiert, feierte in ihrer Bühnenfassung als “La piccola Cubana” eingerichtet von Jobst Liebrecht (nicht zuletzt pandemiebedingt) erst im Jahre 2022 an der Staatsoper unter den Linden in Berlin ihre Uraufführung. Im Rahmen des römischen des Henze-Kuba-Fests hat Michael Kerstan eine Neuinszenierung vorgelegt, welche die Wünsche des Komponisten, „allegría“, nämlich Leichtigkeit, Unterhaltungskunst zu produzieren, erfüllen wollte.
Grundlage dieser Fernseh- bzw. Kammeroper bildet Miguel Barnets Buch “Canción de Rachel”. Darin beschreibt er das abenteuerliche Leben der Diva und Varietésängerin Amalia Sorg, die im Havanna der 1920er Jahre große Erfolge feierte.
Eine weitere „Novela testimonio“, liefert das Werk ein lebendiges Sittenbild der kubanischen Belle Époque in den verschiedenen Diktaturen vor der „Revolution“. Barnet und Kerstan sprechen über die Protagonistin, die Epoche und den kulturhistorischen Kontext im bewegten Kuba des frühen und mittleren 20.Jahrhunderts.
Als Regisseur beider Stücke, als Herausgeber der Tagebücher Henzes aus den Monaten in Kuba sowie als langjähriger Weggefährte Henzes ist Michael Kerstan ein authentischer und fachkundiger Gesprächspartner; es entsteht ein lebendiges Gespräch mit Miguel Barnet, einer Koryphäe auf dem Gebiet der Ethnologie und Literatur Südamerikas.
Angereichert mit einer Vielzahl an Hintergrundinformationen bildet das vorliegende Interview und der entsprechende Dokumentarfilm einen Meilenstein für die Arbeit der Hans Werner Henze-Stiftung zur Sicherung und Verbreitung des Vermächtnisses des Jahrhundert-Komponisten und ein exklusives Angebot der Stiftung zum 100-jährigen Geburtstag ihres Stifters.