Das Floß der Medusa wird ein Klassiker
Nach der verunglücken Uraufführung des Oratoriums Das Floß der Medusa im Dezember 1968 und vernichtenden Kritiken erfreuten sich das Werk und ihr Komponist zunächst keines großen Erfolges. Wohl wurde die Uraufführung 1971 in Wein nachgeholt und gab es 1972 einen szenischen Versuch in Nürnberg, auch in Kopenhagen, Leipzig, London und Florenz wurde es gespielt, danach 10 Jahre überhaupt nicht mehr. Zu sehr verübelte man dem Urheber sein politisches Engagement, zu sehr hatte er das musikalische Establishment in der alten BRD in Frage gestellt. Zum 60. Geburtstag des Maestro wurde es für drei Aufführungen in Turin, Wien und Frankfurt aufs Programm gesetzt, um dann erneut in Vergessenheit zu geraten. Inzwischen hatte der Komponist den agitatorischen ursprünglichen Schluss, in dem der Ho-Chi-Minh-Ruf (Ho Chi Minh war der Anführer der Vietnamesen in den Befreiungskriegen gegen die Kolonialherrschaft und im Krieg der US-Amerikaner gegen Vietnam.) instrumental skandiert wurde, um einen kurzen, versöhnlichen Hymnus ergänzt, nicht zuletzt, weil der Vietnam-Krieg längst vorbei war.
Nun war das Werk in den 90er Jahren regelmäßiger zu hören; aufstrebende Dirigenten wie Simon Rattle und Ingo Metzmacher nahmen sich seiner an, desgleichen in den Nuller Jahren des 21. Jahrhunderts, als es in Hamburg, Madrid und Berlin gespielt wurde.
Zum 50. Jubiläum des Oratoriums scheint es nun endgültig in den Spielplänen verankert zu sein; in der letzten Dekade erlebte es weit über 20 Aufführungen in Wien, Freiburg und Hamburg, von den Salzburger Festspielen bis zum Eurasia Musikfestival im russischen Jekaterinburg. In Amsterdam, bei der RuhrTriennale in Bochum und in Berlin gab es szenische Produktionen, die letztere, von der Komischen Oper auf die Bühne im Hangar 1 des ehemaligen Flughafens Tempelhof gebracht, erlangte geradezu Kultstatus.
Am 6. und 7. Februar gibt es eine weitere Gelegenheit, das bewegende und brennend aktuelle Oratorium zu hören: In der Münchner Isarphilharmonie spielt das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter der Leitung von Sir Simon Rattle.








