Hans Werner Henze auf La Leprara 1992
© Männer Vogue 08_1992

Konfektion steht mir nicht

Interview mit Nike Breyer für Männer Vogue 1992

Der Komponist Hans Werner Henze schätzt den guten Ton auch in der Mode

MV: Herr Professor Henze, Sie widmen sich einer Vielzahl übergreifender Aufgaben, sind aber in erster Linie Künstler und Komponist. Besteht ein Zusammenhang zwischen der Art, wie Sie sich kleiden, Ihren öffentlichen Auftritten und Ihrer Arbeit als Komponist?

Hans Werner Henze: Die Kleidung soll entlasten. Komponieren ist so chaotisch, wild und hart, ein Kampf, der oft bis an die Grenze des physisch und psychisch Erträglichen geht, dass es da eine Gegenwelt für mich geben muss, eine andere, genauer gesagt, eine konservative Art Ordnung. Das ist mir immer sehr erstrebenswert vorgekommen, lange Zeit unerreicht, aus Mangel an Mitteln. Die unzureichende Kleidung in der Kindheit und die damit verbundene Beschämung ist unvergessen. Ich bin gern mit Menschen zusammen, die auf ihr Äußeres achten, und finde es furchtbar, mit Leuten zu tun zu haben, die – wie das heute in der Kunst- und Theaterwelt verbreitet ist – sich nicht rasieren und sich anderen, darunter auch mir, in vernachlässigter Form präsentieren. Ich sehe darin eine Achtlosigkeit, auch gegen sich selbst. Ich finde es ungezogen, eine Zumutung!

 

Zügellosigkeit und Extremismus tolerieren Sie nur am Kunstwerk selbst?

Also, damit wir uns nicht missverstehen, auch hier ist das nur Durchgang. Das Ziel jeder künstlerischen, kompositorischen Bemühung ist das vollkommene Werk. Ich jedenfalls strebe danach, und ich kenne andere, die dies auch tun. Der große Maler Francis Bacon zum Beispiel, der auch nicht herumlief wie ein Clochard. Das ist doch eine Maske, dieses 14 Tage nicht gewaschene, übelriechende Wollhemd.

 

Ein Veto gegen jegliche Art von genialischer Verkommenheit?

Genie, das ist im Kopf! Das sieht man nicht von außen. Na ja, Einstein, der hatte auch lange Haare ...

 

Und Fidel Castro seinen Militär-Parka ...

Das gehört zu seiner Allüre. Er geht immer als Soldat, weil die Revolution noch nicht gewonnen ist und der Kampf weitergeht. Die Uniformen sind aber immer sehr gut geschneidert.

 

Da ist es dann nicht Verkommenheit, sondern Stil, Kostüm?

Ja, Kostüm. Es fragt sich, ob nicht alle Kleidung ein bisschen Kostüm ist und die Frage „Was ziehe ich an?“ eigentlich meint „Wie kostümiere ich mich?“

 

Wenn es so wäre, was ist Ihr Kostüm?

(Überlegt, dann lapidar:) Ich kleide mich wie ein spätbürgerlicher Künstler.

 

Und was trägt ein solcher?

Außerordentlich gutgefertigte Kleidung, ohne Mätzchen, konservativ. Ich leite zwei Festivals und unterrichte an den Akademien Köln und London; das Repräsentieren und Vermitteln zwischen Kunst und Publikum ist gewichtiger Bestandteil meiner Arbeit. Als ich noch sehr jung war, sagte mir ein Künstler einmal, dass es für die Künstler wichtig sei, Mimikry anzunehmen. Man ist nicht Künstler, indem man sich die Haare nicht schneidet.

 

Aber zu Ihren Sturm- und Drangzeiten haben Sie die Positionen der 68er-Studentenbewegung doch gut gefunden?! Da war das „Abgerissene“ ein politisches Statement. Haben Sie da nicht mitgemacht?

Dafür war ich schon viel zu alt. Die Inhalte des Protests waren interessant, seine Ausdrucksformen habe ich immer furchtbar gefunden.

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